Rückkehr

Ein Mann, ein Wanderer, warf sich in das Dickicht eines Strauches im Wald, in den ihn sein Marsch aus dem Dorf geführt hatte. Müde sackte er zusammen, des Gestrüpps um ihn herum nicht achtend, ließ er sich fallen. Ein paar Zweige fuhren ihm ins Gesicht, doch er kümmerte sich nicht um die Schrammen, die sie auf seinen Wangen hinterließen. Dann lag er.

Wie lange zog er schon so durch die Gegend, im Sack nur eine Decke und ein paar Habseligkeiten, immer auf der Reise? Waren es Jahre? Er wusste es nicht mehr.

Zu lange schon war er unterwegs in seinen zerschlissenen Klamotten, zerfetzte Hemden und durchlöcherte Schuhe tragend, bei Regen sich rasch unter einen dichten Baum oder in eine klapperige Scheune flüchtend. Zuzeiten brach er ein leichtes Vorhängeschloss einer abgelegenen Hütte auf, wenn es die nächstbietende oder einzige Möglichkeit darstellte, Unterschlupf vor den Witterungen zu gewinnen. Dann lauschte er von drinnen dem Treiben des Windes und der Unwetter, wärmte sich in seinem rasch hingeworfenen Strohlager und genoss den Schutz der hölzernen Wände und seinen schwarzen, starken Tee aus der blechernen Kanne.

Den nächsten Morgen ging es früh des Sommers bald nach Sonnenaufgang, gegen den Herbst und den Winter zu noch davor weiter auf die Reise, denn er fürchtete, die Bauern mögen ihn entdecken. Gern hätte er ein paar Mark zur Deckung des Schadens hinterlassen, wie er es früher einmal mit seinen Freunden getan hatte, als sie im Schnee auf einer Alpenwanderung an eine verriegelte Hütte gekommen waren, deren Tür sie schließlich mit Steinen und einem Hebel aufgestemmt hatten, um nicht in der weißen Kälte zu erfrieren. Damals hatten sie einen Brief mit Erklärungen und Entschuldigung zurückgelassen und eine angemessene Summe Geldes als Schadensersatz.

Oft musste er an diese Episode denken, wenn er des Morgens aufbrach, und einmal hatte er sogar eine kleine Notiz geschrieben, sie mit einem Stein beschwert an eine geschützte aber auffällige Stelle gelegt und hernach aus seinen Taschen einige Münzen zusammengesucht. Der Betrag schien ihm dann aber doch zu gering zu sein, um den Schaden zu decken. Beschämt zog er das Papier unter dem Stein hervor, nahm die Münzen wieder an sich und stahl sich leise davon.

Und nun lag er hier, am Rande eines abseitigen Waldweges, im Niemandsland des Forstes, und doch an einem Wendepunkt seines Lebens.

So wie die letzten Jahre konnte es nicht weitergehen, das stand fest. Aber wie dann ? Was anfangen mit einem Leben, das aus den Fugen geraten war, wie die klapprigen Fenster der Scheunen, in denen er bei Regen nächtigte?

Wo beginnen nach Jahren des Herumstreunens und der Wanderschaft, in denen die Mühe um das Brot des Tages im Vordergrund gestanden hatte? Jahre, in denen ihn nur deshalb so wenige Zweifel an sich selbst geschüttelt hatten, weil er sich nie in seinem ureigenen Selbst erprobt gefühlt hatte. Nöte wie Hunger und Unwetter waren ihm vertraute und ständige Begleiter, nicht aber Fragen an sein Ich, an seine Fähigkeiten. Die hatte er schlicht vergessen. -

Aber was hatte ihn so erschüttert, dass er nun wie tot am Wegrand lag?

Gerade war er aus dem Dorf gekommen, in dem der Grund seiner so plötzlich ausbrechenden Erschöpfung lag. Denn irgendein Dorf war es nicht. Es war jenes Dorf, in das ihn seine langen runden immer wieder führten und in dem er nur einen Menschen kannte. Er war sogar froh darüber, dort nur einen zu kennen, denn er hasste die Orte, in denen er von alters her vertrauten, ihm aber nun entfremdeten Menschen begegnen konnte. Er mied sie weitläufig, um nicht auf den Feldern oder Wegen in ihrem Umkreis unversehens auf jemanden zu stoßen, der ihn bei seinem Namen anreden und erkennen möge. Zwar wusste er um die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Erkennens, da er über die Jahre hin sich deutlich verändert haben musste und er nur noch wenig mit der doch recht gepflegten Erscheinung vergangener Zeiten gemein hatte, die er einst dargestellt hatte. Dennoch war ihm Anonymität zu einem Garanten seiner Sicherheit geworden, seiner emotionalen Sicherheit, und er suchte alles, sie zu wahren.

Nur in jenes Dorf kehrte er stets nach Monaten des Wanderns zurück, wenn sein kleiner Beutel mit dem Gelde zu lange zu leicht gewesen war, sein Magen sich vor Hunger verzehrte, und wenn sein Herz etwas Wärme brauchte. Denn er sprach nicht viel unterwegs, ein paar Sätze mit den Krämern und Marktfrauen, die er liebte, in ihrer selbstvergessenen Tätigkeit und der Fragelosigkeit, mit der sie ihm Obst, Brot und Käse reichten, Gemüse und manchmal eine Flasche voll köstlicher Milch. Sonst sprach er mehr mit sich selbst als mit Fremden; nach dem Weg brauche er nicht zu fragen, da ihm im Walde und auf den Feldern jede Richtung recht war, die eine so gut wie die andere, er trachtete nur, stets sich vom Ort seiner letzten Rast zu entfernen und ihn nicht durch eine unmerkliche Windung des Weges erneut anzusteuern.

So waren es auch diesmal sein leerer Beutel und eine längere, stumm verbrachte Zeit, die ihn zu dem kleinen Dorf am Flusse geführt hatten, zu jenem Haus mit dem hübschen, aber nicht übermäßig gepflegten Garten, zu dem Haus, in dessen Innern Caroline, ein reichhaltiges Abendbrot und ein weiches Lager ihn erwarteten. Vor allem aber Carolines Wesen, ihre Gegenwart und ihre Kraft waren es, die ihn nach langer Zeit auf den Straßen und Pfaden neu stärkten.

Meist blieb er ein, zwei Wochen bei ihr, in denen er das Tuscheln der Nachbarn gleichmütig ertrug, wenn er seiner Gewohnheit gemäß den Tag im Freien verbrachte, die Dorfstraße entlang schlenderte zu den Feldern hinaus und weiter zum See hin. Dort badete er bis in den Herbst hinein täglich, oder er setzte sich mit einem Buch aus Carolines Regalen unter einen Baum und las. Auch dies zählte zu seinen großen Vergnügungen, wenn er in seiner kleinen Heimat zu Besuch war. Selber führte er nur einen Band gesammelter deutscher Gedichte mit sich, abgegriffen und zerknickt, aber doch einen unermesslichen Wert für ihn darstellend. Viele der Gedichte wusste er auswendig zu sagen, und nicht selten holte er das Buch aus der Plastiktüte hervor, die es vor dem alles durchnässenden Regen schützte, und unterbrach seine Wanderung zu einer Lesestunde.

Caroline war seine Freundin gewesen, seine Geliebte, aber das lag weit zurück, so weit, dass ihm die Erinnerung an diese Zeit kaum mehr gelang. Nun war sie nur noch seine Freundin, und doch stellte sie für ihn den treuesten Menschen dar, den er sich denken konnte. Nie hatte sie ihn von der Tür gewiesen, nie ihm das Lager verwehrt. Selbst als einen September ihr Gästezimmer mit Freunden belegt war, hatte sie ihn nicht fortgeschickt, sondern ihm, ohne ein Wort zu verlieren, in ihrem Zimmer Platz gemacht. So schlief er in jener Zeit auf einem Lager am Rande ihres Bettes, und damals war es zum einzigen Mal während seiner Wanderjahre dazu gekommen, dass sie sich einander öffneten und sie sich auch körperlich wieder ganz nahegekommen waren.

Er hatte jenes Mal nicht lange bleiben wollen, der Freunde wegen, aber sie nötigte ihn doch, wenigstens eine Woche auszuruhen. Da kam es, dass er sie in der letzten Nacht das Gedicht sehen ließ, dass er einst in Gedanken an sie geschrieben hatte.

Lang lag es zurück, auf einer Bahnfahrt in dem ersten Jahr nach ihrer Trennung war es gewesen, als er noch nicht durch die Gegend streunte, da waren ihm die Worte wie leichthin zugeflogen, und er hatte sie eilig notiert. Zwar hatte er öfters daran gedacht, ihr das Gedicht zu zeigen, doch schien es ihm nachher zu intim, zu viel Vertrautheit ausstrahlend, nachdem gerade diese innige Vertrautheit ihnen abhanden gekommen war. So wahrte er es sicher in jenem Gedichtband, den er später als einziges seiner Bücher mit auf die Reise nahm, ein graues dünnes Papier zwischen immer gelber werdenden Seiten.

Diesen Abend war sie anders als die Tage vorher, ausgelassen wie immer mit ihren Freunden, und doch ahnte er, der er sie gut kannte, hinter der Ausgelassenheit den Abgrund, der sich ihr immer wieder trotz allen Mutes und aller Stärke auftat und sie zu verschlucken drohte. Eine Klage war es, die ihn aufhorchen ließ: wie doch der Regen wieder ausbliebe und die Dürre sich hinziehe. Noch in dieser Zeit des Jahres ...

Er wusste, dass sie mit diesem Satz eine Brücke schlagen wollte zu ihrer Trauer, eine geheime Brücke, gut getarnt und versteckt im Dschungel ihres Gemüts. Es war eine Behelfsbrücke, fast unbegehbar und provisorisch, jederzeit abzubauen aber auch immer wieder neu zu errichten. Er hatte sie noch nie überquert, niemand hatte sie je überquert, und es sollte auch niemandem gelingen. Allenfalls ausmachen konnte man sie mit geübtem Blick, doch hatte man sich endlich mit der Machete einen Weg durchs Unterholz zu ihr gebahnt, war sie schon wieder entfernt. Er merkte an der Reaktion ihrer Freunde, dass sie zumindest diese Brücke heute nicht sahen.

Zu später Stunde trennten sie sich, die Freunde zogen sich in das Gästezimmer und sie sich in das ihrige zurück. Als die Tür hinter ihnen geschlossen, das Licht gelöscht war und sie auf ihren Lagern saßen, das schaute er sie lange durch das Dunkel des Zimmers, an das sich ihre Augen allmählich gewöhnten, schweigend an.

Wie stark sie doch war, aber auch: wie traurig! Er versuchte ein Lächeln, und in dieses Lächeln legte sich die ganze Vorstellung, die er sich im Laufe ihres gegenseitigen Kennens von ihrem Wesen gebildet hatte.

"Du bist traurig." sprach er endlich.

Sie nickte stumm und begann langsam zu erzählen: von dem Kollegen im Hort, der nicht mit dem selben Herzen arbeite wie sie, der die Arbeit zu leicht nehme und den Kindern zu wenig Freiraum lasse. Sie sei es leid zu kritisieren, sie wolle nicht mehr den Finger auf Wunden legen, die andere verursachten. Immer hoffe sie, er möge es von sich aus merken. Doch vergebens, er mehre nur seine Macht, ohne ...

Er hörte sie erzählen, und er ahnte hinter ihrem Bericht eine andere, urgründige Schwermut, an die er nicht rühren konnte und durfte. Eine Schwermut, die tiefer ging als das Erlebnis des Tages, die dieses aufblies und vergrößerte zu jenem Moloch, der ihre Wangen furchte und ihre Augen beschattete; und die doch selbst ein viel gewaltigeres Ungeheuer war, tiefer verankert im Meer ihrer Trauer.

Er hörte ihr zu und sah dabei, wie sich die kurzen Nägel ihrer Finger ineinander bohrten. Er lauschte der Bitterkeit ihrer Worte, deren Macht er etwas entgegensetzen wollte, und mit einem Mal fiel ihm das Gedicht ein, das er damals im Zug für sie geschrieben hatte. Es musste wie immer zwischen den Seiten des Gedichtbandes liegen, es bedurfte nur eines geringen Antriebs, und er hielte das Blatt in seinen Händen. Noch einmal zögerte er, das so lange gehütete von sich zu geben, doch als er wieder in Carolines versteinertes Gesicht sah, wusste er, dass er ihr das Gedicht jetzt geben müsse.

"Warte!" bedeutete er ihr, und ehe er sich seiner Entscheidung recht bewusst geworden war, reichten ihr seine Hände das tintenbeschriebene, graue Papier, das sie verwundert entgegennahm. Eine Kerze wurde entzündet, und sie las.

Als sie geendet hatte, rollte eine Träne ihre Wange herunter und fiel zu Boden, doch es kümmerte sie nicht. Er beugte sich zu ihr, um ihr die feuchte Spur auf ihrem Gesicht mit dem Ärmel seines Hemdes fortzuwischen, da legte sich ihre Hand auf seinen Arm, streichelte ihn sanft und glitt weiter über die Schulter zu seinem Gesicht, dessen Konturen und Linien sie entlang fuhr, neu zu zeichnen schien, und sie näherte sich wortlos zu einem langen, innigen Kuss.

Was weiter geschah, war ein Rausch aus Verzweiflung, Liebe und Wärme, dieser unsagbaren Wärme, die ihr Leib und ihr Wesen entfalten konnten. Sie tauchten ineinander, trinkend, und ihre Augen leuchteten ihn an in kindlich-seliger Entrücktheit . Und auch er öffnete sich, ihr alles zu geben, was sich durch die Unrast seiner Jahre nicht verzehrt hatte. Zwischen ihnen hatte sich unvermutet eine Macht eingestellt, die beide längst verloren gegeben hatten und die doch nur verschüttet lag unter den Mühen ihres Alltags und ihrer Entfernung.

Und doch hatte er am nächsten Morgen seine Sachen gepackt, ohne dass sie ihn zurückgehalten hätte, und selbst den Abschied hielten sie so nüchtern wie schon zwanzig Male zuvor. Nur als sich ihre Wangen in der Umarmung aneinander schmiegten, schienen sie sich noch etwas von der Glut der Nacht bewahrt zu haben und strömten eine fremd-vertraute Wärme. Doch nur einen Moment noch blitzte diese auf, dann lösten sie sich, er ging seiner Wege, und die kommenden Male sollte sich ihr Kontakt wieder wie gewohnt gestalten.--

Was war nun diesmal geschehen, dass er derart zerschlagen in sich zusammenfiel?

Nun, geschehen war eigentlich nicht viel: wie immer hatte er nach Monaten des Wanderns Carolines Dorf angesteuert, mit Freude die Silhouetten der Häuser erkannt und seinen Schritt beschleunigt. Am Ortsschild vorbei die Hauptstraße entlang, rasch in die Seitenstraße eingebogen, noch ein, zwei Biegungen, und er stand wie schon so oft vor dem alten, ehernen Gartentor. Die paar Schritte zur Haustür waren schnell überwunden, ein Druck auf die Klinke doch was war das? Die Haustür war verschlossen! Hielt Caroline nicht immer und stets die Haustür unverschlossen? Nicht allein seinetwegen, dazu erschien er dann doch zu selten, nein, aus Gewohnheit und Überzeugung. Sie vertraute dem Auge der Nachbarn, und außerdem: was gäbe es bei ihr schon zu holen?

Verwundert setzte er sich auf die Stufen vor der Tür. Zu müde, um nachzudenken, beschloss er, eine Nachricht zu hinterlassen. Er wollte noch eine Weile zum See gehen, baden vielleicht, in der Hoffnung, sie danach anzutreffen.

Die paar Sätze waren schnell geschrieben, nun hob er die Klappe des Briefschlitzes, den Zettel in den Flur flattern zu lassen. Dabei fiel sein Blick zufällig ins Innere des Hauses, und was er dort auf dem Boden liegen sah, ließ ihn augenblicks erstarren. Der ganze vordere Teil des Flurs war übersät mit Post! Briefkuverts, Postkarten, Zeitungen und dergleichen sammelten sich in stattlicher Zahl auf der Erde. Sie war nicht da!

"Sie ist nicht da! " Dieser Satz war es, der ihm nun im Kopf dröhnte und als schmerzhafte Erkenntnis widerhallte. Nie, niemals hatte er vergeblich vor ihrer Tür gestanden, immer war sie zumindest bald erschienen und für ihn da gewesen. Nun aber entfachten die auf dem Boden verteilten Sendungen einen einzigen Satz: "Sie ist nicht da! "

Panik überfiel ihn, kaum gekannte Panik. Wie im Taumel lief er die Straßen hinunter, raus aus dem Dorf, raus in den Wald, nur nicht denken, nur nicht denken. Er lief, bis er erschöpft in die Zweige sank, wie wir ihn am Anfang gesehen haben, und die Zeit vergaß, wie er die Jahre seines Wanderns vergessen hatte. Wohl hörte er auch Schritte vorbeiziehen, doch was kümmerte ihn dies?

Zum ersten Mal seit Jahren spürte er wieder bewusst seine Einsamkeit, die er so lange nicht hatte wahrnehmen wollen; wie ein Untoter aus der Gruft kam sie nun hervor und erinnerte ihn an die vergebliche Mühe seines Wanderns.

Er lag so bis zum beginnenden Morgen, als er aus einem dumpfen Schlaf erwachte. Schwer stand er auf und begann ziellos umherzustreifen, bis er den See erblickte. Dort ging er hin, zog sich aus und stieg in die feuchte Kühle. Das Wasser begann, ihn zu beleben. Er schwamm eine Weile umher, tauchte zuweilen und steuerte schließlich einen groß ;en Felsen am westlichen Ufer an, den er erklomm. Dort sitzend ließ er sich von den ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages wärmen.

Nur zögerlich begann er, die Umgebung zu betrachten, die ihm von seinen häufigen Besuchen so vertraut war; allmählich erst sah er die immergrünen, kegelförmigen Kleider der Tannen dunkel im Morgenlicht schimmern, sah den Saum von welken Gräsern am jenseitigen Ufer, sah das Röhricht sich im Winde wiegen. Aus dem grünen Dunkel des Wassers stiegen die Luftbläschen der Fische auf, Kohlmeisen hüpften, von ständigem Meckern begleitet, von Ast zu Ast.

In dieser Ruhe stiller Naturbetrachtung entfaltete der Schock des gestrigen Tages eine unvermutete, völlig gegensätzliche Wirkung, als er es noch Stunden zuvor getan hatte. Während er da die Bedeutung der Abwesenheit Carolines eigentlich gar nicht realisiert hatte, sondern nur in ohnmächtigem Reflex in die Dämmerung des Waldes geflüchtet war, wurde ihm jetzt, da die Wirkung des Schlages nur noch abgeschwächt nachklang, erst die Tragweite des Erlebten gewiss. Doch nicht allein dies, das Geschehnis selbst begann für ihn erst jetzt Gestalt und Wirklichkeit anzunehmen. Hätte jemand den Mann im Gebüsch gefragt, was ihn denn in diesen jämmerlichen Zustand gebracht hatte, er hätte keine Antwort geben können. Wirklich waren ihm das nur die Erde voller Nadeln und Laub, auf der er lag, wie auch das Gefühl völliger Loslösung von anderen Menschen. Das Fehlen Carolines war darüber fast ganz in den Hintergrund getreten.

Nun aber besann er sich dessen wieder; und in dem Maße, in dem er Zugang zu dem auslösenden Moment seiner Verstörung gefunden hatte, trat etwas lange abgelegtes neu in sein Leben zurück: die Fähigkeit, sich zu besinnen. Über die Jahre seiner Wanderschaft hinweg hatte er sich dieses nahezu vollständig abgewöhnt, nun wurde es fast gewaltsam wiederbelebt.

Was war denn eigentlich passiert? Caroline war nicht zu Hause, verreist, das stand fest. Und weiter? Nichts weiter! Sie war ihrer Wege gegangen, so wie er die seinen gegangen war, Jahr für Jahr. Er hatte immer auf sie bauen können, nun wurde ihm klar, dass das keinen Ewigkeitsanspruch hatte. Eine Grundfeste seines Wanderns war zerbrochen, sein Refugium, doch sonderbarerweise ließ der Schmerz im selben Maße nach, in dem ihm der Zusammenbruch bewusst wurde.

Allmählich wuchs in ihm die Erkenntnis, dass Caroline nicht immer für ihn da sein konnte, allein der Zufall hatte es so gewollt, dass ihm ihre Tür bis zum gestrigen Tag nie verschlossen gewesen war. Was jetzt eingetreten war, war die Manifestation eines Zustandes, der schon lange gegeben aber nur noch nicht offengelegt worden war. Ihrer beider Leben hatten sich getrennt, und das nicht erst seit gestern. Er hatte Caroline als beständigen Rückhalt verloren.

Im Zuge dieser Gedanken reifte in ihm der Entschluss, mit der Wanderei aufzuhören. Wie genau er es anfangen würde, das war ihm noch ein Rätsel. Aber er erinnerte sich an die Adresse eines Freundes, der noch in der Stadt wohnen müsste, in der sie einst gemeinsam gelebt hatten. Die Idee war nur vage, aber vielleicht hätte er dort Hilfe...

Zwischen Fragen und Entschlüssen erhob er sich, stieg in seine verschmutzten Kleider, schulterte den Rucksack und begann ein weiteres Mal das Dorf anzusteuern. Vor Carolines Haus angekommen, suchte er einen Zettel und sein Schreibgerät aus dem Bündel hervor und verfasste eine kurze Notiz, die er diesmal tatsächlich durch den Briefschlitz steckte. Er drehte sich um und verließ den Garten und das Dorf.

Auf dem Berg von Post im Flur des Hauses aber lag ein Zettel mit der Nachricht: